Wer die Grandes Jorasses vom Glacier de Leschaux oder aus dem Val Ferret sieht, versteht sofort, warum dieser Berg Alpinisten seit Generationen beschäftigt. Die markante Gipfelkette im Mont-Blanc-Massiv verbindet große Geschichte mit anspruchsvoller Hochtour: Ich ordne die wichtigsten Gipfel ein, erkläre die klassischen Routen und zeige, welche Vorbereitung, Ausrüstung und Erfahrung realistisch nötig sind.
Ein legendärer Berg für erfahrene Alpinisten
- 4.208 Meter misst die Pointe Walker, der höchste Gipfel der Kette.
- Der Berg liegt an der Grenze zwischen Frankreich und Italien.
- Die Nordwand ragt rund 1.200 Meter über dem Glacier de Leschaux auf.
- Die Cassin-Route am Walkerpfeiler gilt als extreme alpine Klettertour.
- Für Wanderer bieten Montenvers, die Mer de Glace und das Val Ferret starke Aussichtspunkte ohne Gipfelambitionen.

Wo der Berg liegt und was ihn so besonders macht
Die Grandes Jorasses gehören zum Mont-Blanc-Massiv und bilden auf dem Hauptkamm über weite Strecken die Grenze zwischen dem französischen Département Haute-Savoie und dem italienischen Aostatal. Nach Norden fällt die Wand steil zum Glacier de Leschaux ab, während die Südwestseite über das Val Ferret und Courmayeur erreichbar ist.
Streng genommen handelt es sich nicht um einen einzelnen Gipfel, sondern um eine etwa einen Kilometer lange Gipfelkette mit sechs markanten Punkten. Der höchste Punkt ist die Pointe Walker. Gerade diese Abfolge mehrerer Viertausender macht den Berg auch als Überschreitung interessant.
| Gipfel | Höhe | Besonderheit |
|---|---|---|
| Pointe Walker | 4.208 m | Höchster Gipfel und Ziel des Walkerpfeilers |
| Pointe Whymper | 4.184 m | Erster bestiegener Gipfel der Kette |
| Pointe Croz | 4.110 m | Ziel des klassischen Crozpfeilers |
| Pointe Marguerite | 4.065 m | Teil der anspruchsvollen Gipfelüberschreitung |
| Pointe Hélène | 4.045 m | Auch als Pointe Elena bekannt |
| Pointe Young | 3.996 m | Knapp unter der magischen 4.000-Meter-Marke |
Von Montenvers bei Chamonix lässt sich die Nordwand besonders eindrucksvoll betrachten. Die Zahnradbahn bringt Besucher auf rund 1.913 Meter, von wo aus die Mer de Glace und die darüber aufragenden Fels- und Eisflanken ein sehr klares Bild der Dimensionen vermitteln. Ich finde diesen Blick für die Einschätzung des Berges fast lehrreicher als manche Routenbeschreibung, weil man dabei sofort erkennt, wie wenig ein einzelner Gipfeltag mit einer normalen Bergwanderung zu tun hat.
Die Geschichte der Erstbesteigungen erklärt den Mythos
Die erste bedeutende Besteigung gelang am 24. Juni 1865. Edward Whymper, Michel Croz, Christian Almer und Franz Biner erreichten die Pointe Whymper auf 4.184 Metern über die Südwestflanke. Der höchste Punkt blieb zunächst unberührt.
Am 30. Juni 1868 standen Horace Walker, Melchior Anderegg, Johann Jaun und Julien Grange auf der Pointe Walker. Ihre Route über die Südwestseite gilt heute als Normalweg, ist aber keineswegs leicht. Steile Firn- und Eispassagen, Gletscherbruch und die große Höhendifferenz verlangen eine solide Hochtourenerfahrung.
Die berühmte Nordwand wurde später zum Schauplatz des klassischen Alpinismus. Martin Meier und Rudolf Peters eröffneten 1935 den Crozpfeiler. Drei Jahre später gelang Riccardo Cassin gemeinsam mit Luigi Esposito und Ugo Tizzoni die erste Besteigung des Walkerpfeilers. Die Route ist heute als Cassin-Route bekannt und führt über ungefähr 1.200 Höhenmeter direkt zur Pointe Walker.
Weitere Linien wie der Whymperpfeiler, der Linceul und verschiedene moderne Mixedrouten zeigen, wie vielseitig die Wand ist. Dabei bedeutet eine bekannte Route nicht automatisch eine unveränderte Route. Felsstürze, schmelzender Permafrost, wechselnde Eisauflagen und instabile Seracs können den Charakter einzelner Passagen von einer Saison zur nächsten verändern.
Welche Route zu welchem alpinistischen Ziel passt
Die Bezeichnung „Normalweg“ führt bei diesem Berg leicht in die Irre. Die Südwestflanke ist zwar deutlich weniger schwierig als die großen Nordwandrouten, bleibt aber eine ernste Hochtour im vergletscherten Gelände. Wer bisher nur einfache Viertausender begangen hat, sollte diesen Gipfel nicht als nächsten logischen Schritt einplanen.
| Route oder Ziel | Gelände | Grobe Einordnung | Für wen geeignet |
|---|---|---|---|
| Südwestflanke zur Pointe Walker | Gletscher, Firn, Eis und kurze Felspassagen | Etwa AD-, je nach Bedingungen | Erfahrene Hochtourengeher mit sicherer Seil- und Gletschertechnik |
| Crozpfeiler | Gemischtes Gelände aus Fels, Schnee und Eis | TD bis TD+ | Alpinisten mit Erfahrung in langen Mixedrouten |
| Cassin-Route am Walkerpfeiler | Steile Felskletterei, Eis und künstliche Kletterstellen | TD+/ED, etwa 1.200 m Wandhöhe | Sehr starke Seilschaften mit großer alpiner Routine |
| Überschreitung der Gipfelkette | Lange Gratkletterei und Abseilstellen | Anspruchsvoll und stark von der Verhältnissen abhängig | Erprobte Alpinisten mit hoher Bewegungseffizienz |
Bei der Cassin-Route sollte man sich nicht von einzelnen UIAA-Graden täuschen lassen. Entscheidend sind die Wandhöhe, die Länge, die Orientierung und die objektiven Gefahren. Selbst technisch beherrschbare Seillängen werden problematisch, wenn die Mannschaft nach vielen Stunden ermüdet, das Wetter kippt oder Steinschlag die Route erreicht.
Ich würde die Südwestflanke außerdem nicht als reine Trainingsroute für die Nordwand betrachten. Sie schult zwar Gletschertechnik und Höhenanpassung, vermittelt aber nur begrenzt, was eine lange Fels- und Mixedroute an der Nordwand verlangt. Für den Walkerpfeiler braucht es zusätzlich sichere Standplatzarbeit, schnelles Klettern mit Bergschuhen, effizientes Abseilen und Erfahrung mit selbstständiger Routenfindung.
Planung, Zustieg und passende Bedingungen
Die französische Seite der Nordwand wird typischerweise über Montenvers, die Mer de Glace und die Leschaux-Hütte erreicht. Der Zustieg ist bereits eine hochalpine Unternehmung und führt durch Gletscher- und Moränengelände. Auf der italienischen Seite liegt der klassische Zugang über Planpincieux im Val Ferret und die Rifugio Boccalatte auf etwa 2.800 Metern.
Hüttenöffnungen, Zustiegswege und Sicherungen können sich ändern. Deshalb prüfe ich vor einer Tour immer die aktuellen Angaben des Hüttenbetreibers, die lokalen Bergführerbüros, Wetterprognosen und den Zustand der Gletscher. Eine ältere Topobeschreibung ist bei einem so beweglichen Berg höchstens eine Orientierung, aber keine aktuelle Sicherheitsinformation.
Für die Nordwand zählen stabile Verhältnisse mehr als ein schönes Kalenderdatum. Kälte kann Steinschlag und lockeren Fels reduzieren, gleichzeitig erschwert sie aber die Kletterei und erhöht das Risiko von Erfrierungen. Nach warmen Nächten lösen sich in steilen Rinnen und Couloirs oft gefährliche Steine oder Eisschollen.
- Plane mehrere Tage zur Akklimatisation ein, bevor du dich auf 4.000 Meter und eine lange Wandroute begibst.
- Starte nur mit ausreichendem Zeitpuffer für Zustieg, Kletterei und Abstieg.
- Lege einen klaren Umkehrpunkt fest, bevor Müdigkeit oder Gruppendruck die Entscheidung beeinflussen.
- Rechne mit einem Rückzug, der technisch anspruchsvoll und zeitaufwendig sein kann.
- Informiere eine zuverlässige Person über Route, Partner, Hüttenziel und späteste Rückkehrzeit.
Die beste Jahreszeit lässt sich nicht pauschal auf einige Wochen festlegen. Entscheidend sind Schneelage, Eisbildung, Temperaturverlauf, Lawinenlage und die Entwicklung der Seracs. Genau deshalb buchen viele Seilschaften den Bergführer nicht nur für die Klettertage, sondern auch für die Beurteilung des aktuellen Zeitfensters.
Welche Ausrüstung an der Wand wirklich zählt
Die konkrete Ausrüstung hängt von der Route, der Jahreszeit und dem persönlichen Stil ab. Für eine klassische Mixedroute gehören jedoch Helm, Steigeisen, Pickel und zwei technische Eisgeräte zur Grundausstattung. Dazu kommen Klettergurt, wetterfeste Kleidung, Stirnlampen, Biwakausrüstung und ein zuverlässiges Kommunikationsmittel.
Auf einer langen Felsroute werden außerdem mobile Sicherungsmittel wie Friends und Klemmkeile, Expressschlingen, Bandschlingen und je nach Topo Hammer und Haken benötigt. Zwei 50-Meter-Seile sind bei vielen klassischen Routen sinnvoll, insbesondere wenn Abseilstellen und Rückzüge eingeplant werden. Diese Angaben ersetzen jedoch keine aktuelle Routenbeschreibung, denn vorhandene Fixpunkte und Abseilstände können sich verändern.
- Gletscherausrüstung mit Seil, Eisschrauben, Prusiks und Material zur Spaltenbergung
- Technische Kletterausrüstung passend zu den angegebenen Sicherungsmöglichkeiten der Route
- Reservehandschuhe und trockene Isolationsschicht für lange Wartezeiten am Stand
- Ausreichend Verpflegung und Schmelzbrennstoff, da Wasser auf der Route nicht zuverlässig verfügbar ist
- Navigation und Notfallkommunikation, wobei ein Smartphone allein kein Rettungskonzept ersetzt
Was viele unterschätzen, ist nicht das Gewicht einzelner Ausrüstungsstücke, sondern die Summe. Ein zu schwerer Rucksack verlangsamt die Seilschaft, ein zu minimalistischer Rucksack kann beim Wettersturz gefährlich werden. Ich bevorzuge deshalb eine Ausrüstung, die auf der geplanten Route getestet wurde und bei der jeder Handgriff auch mit kalten Fingern funktioniert.
Warum Aussicht und Gipfelbesteigung zwei verschiedene Ziele sind
Wer die Bergwelt erleben möchte, muss nicht automatisch in die Nordwand einsteigen. Von Montenvers aus bietet sich ein eindrucksvoller Blick auf die Nordseite, während das Val Ferret bei Courmayeur die Südflanke und die Gipfelkette aus einer anderen Perspektive zeigt. Für viele Outdoor-Fans ist das die bessere Wahl, weil sie Landschaft, Gletscher und Alpengeschichte erleben können, ohne sich objektiven Gefahren auszusetzen.
Eine Gipfelbesteigung setzt dagegen mehr voraus als Kondition. Man braucht Erfahrung auf Gletschern, sichere Steigeisentechnik, Orientierung bei schlechter Sicht, Kenntnisse in Fels- und Eiskletterei sowie die Fähigkeit, eine Tour konsequent abzubrechen. Wer diese Punkte noch nicht beherrscht, sollte zunächst kürzere Hochtouren und alpine Mehrseillängenrouten sammeln oder sich von einem staatlich geprüften Bergführer begleiten lassen.
Für mich liegt die eigentliche Qualität einer Tour nicht darin, einen berühmten Namen unbedingt abzuhaken. Ein sinnvoll gewähltes Ziel, eine gut eingespielte Seilschaft und die sichere Rückkehr wiegen an diesem Berg deutlich mehr als ein Gipfelfoto.
Eine gute Entscheidung beginnt mit dem richtigen Respekt
Die Grandes Jorasses vereinen sechs Viertausender, eine außergewöhnliche Nordwand und einige der anspruchsvollsten klassischen Routen der Alpen. Die Südwestflanke ist der vergleichsweise zugänglichere Weg, bleibt aber eine ernsthafte Hochtour. Der Walkerpfeiler und die übrigen Nordwandrouten gehören klar in die Hände sehr erfahrener Seilschaften.
Wer die nötige Erfahrung noch aufbaut, kann den Berg zunächst von Montenvers oder aus dem Val Ferret studieren und dabei die eigene Vorbereitung an realistischen Etappen ausrichten. Bei diesem Ziel ist ein konservativer Plan keine Schwäche, sondern genau die Haltung, mit der alpine Abenteuer langfristig Freude machen.