Der Olperer wirkt vom Tal aus wie ein sauber aufgerichteter Granitzahn, doch der Anstieg über seinen Nordgrat ist deutlich mehr als eine alpine Wanderung. Ich zeige, wie der Zustieg von der Geraer Hütte verläuft, welche Kletter- und Gletscherpassagen warten, welche Ausrüstung wirklich nötig ist und wann der technisch leichtere Riepengrat die bessere Wahl sein kann.
Die wichtigsten Fakten zum Aufstieg über den Nordgrat
- Gipfelhöhe: 3.476 m in den Zillertaler Alpen
- Schwierigkeit: WS+, UIAA III-, Eis bis etwa 40 Grad
- Hauptzustieg: von der Geraer Hütte über den Olpererferner und die Wildlahnerscharte
- Zeitbedarf: ungefähr 4 Stunden von der Hütte bis zum Gipfel
- Ausrüstung: komplette Hochtourenausrüstung mit Seil, Steigeisen, Pickel, Helm und Klettergurt

Was den Nordgrat des Olperers so besonders macht
Der Nordgrat führt von der Wildlahnerscharte direkt über einen markanten Felsrücken zum Gipfel. Die Kletterei bewegt sich überwiegend im Bereich UIAA II, an der Schlüsselstelle wartet jedoch ein kurzer, leicht überhängender Abschnitt im unteren dritten Grad. Mehrere Trittbügel erleichtern die schwierigsten Bewegungen, machen die Route aber keineswegs zu einem Klettersteig.
Die eigentliche Herausforderung entsteht durch die Kombination aus Gletscherzustieg, Höhe, Ausgesetztheit und wechselndem Felsgelände. Wer nur nach dem Klettergrad urteilt, unterschätzt die Tour. In 3.000 Metern Höhe kostet jeder Fehler mehr Kraft, und ein Wettersturz kann den Rückzug vom Grat schnell kompliziert machen.
Ich würde den Nordgrat deshalb als anspruchsvolle Hochtour mit moderater Kletterei einordnen. Klettersteig-Erfahrung allein reicht mir als Vorbereitung nicht aus. Sicheres Steigen mit Steigeisen, Anseilen auf dem Gletscher und eine geübte Seilhandhabung gehören zwingend dazu.
Der Zustieg über die Geraer Hütte
Die klassische Westseite beginnt am Hüttenparkplatz beziehungsweise am Gasthaus Touristenrast im Valsertal. Der Zustieg zur 2.324 Meter hohen Geraer Hütte dauert etwa 3 Stunden und umfasst rund 1.000 Höhenmeter. Für eine entspanntere Planung übernachte ich lieber auf der Hütte, statt den langen Zustieg und den Gipfelanstieg an einem einzigen Tag zu verbinden.
Von der Hütte folgt man zunächst dem Weg in Richtung Schaefferstein. Der markierte Steig wird im Moränengelände undeutlicher und führt schließlich durch grobes Blockgelände zum Kessel unterhalb des Olpererferners. Dort beginnt der ernsthafte Hochtourenabschnitt, weshalb Steigeisen und Pickel spätestens hier angelegt beziehungsweise griffbereit gemacht werden sollten.
Der Gletscheranstieg verläuft zunächst am linken Rand des Ferners. Danach quert die Route und steigt in Richtung Wildlahnerscharte an. Je nach Ausaperung und Spaltenlage kann die optimale Linie anders aussehen als in älteren Beschreibungen. Eine aktuelle Auskunft der Hütte oder ein verlässlicher Zustandsbericht ist daher wichtiger als ein aufgezeichneter GPS-Track.
Von der Scharte geht es noch ungefähr 100 Höhenmeter über einen bis zu 40 Grad steilen Firn- oder Eisabschnitt bergauf. An geeigneter Stelle quert man zum Felsgrat hinüber. Gerade diese Querung verlangt eine saubere Beurteilung des Geländes, denn Blankeis, Wechten oder offener Gletscher können die Bedingungen deutlich verschärfen.
So sieht die Kletterei am Grat aus
Der Einstieg in den Fels ist meist gut zu erkennen. Der Grat gibt die Richtung weitgehend vor, trotzdem bleibt die Route eine alpine Kletterei und kein durchgehend markierter Steig. Die ersten Meter führen über Blockgelände, später folgen mehrere kurze Aufschwünge mit Trittbügeln und natürlichen Sicherungsmöglichkeiten.
Im Mittelteil wird ein Felsaufschwung rechts umgangen. Die Schlüsselstelle ist ein kurzer Überhang im unteren III. UIAA-Grad. Die vorhandenen Bügel helfen bei den Füßen und bieten Möglichkeiten für eine Zwischensicherung oder einen Standplatz, ersetzen aber weder Klettertechnik noch Erfahrung im Nachstieg.
Je nach Seilführung wird der Grat in etwa 5 bis 6 Seillängen aufgeteilt. Eine 50- oder 60-Meter-Seillänge ist praktisch, weil sie flexible Standplätze ermöglicht. Ich würde die Route nicht unnötig auf Zeit klettern. Das Gelände ist zwar nicht extrem schwierig, aber ein ruhiger Vorsteiger mit sauberem Standplatzmanagement macht hier einen größeren Unterschied als besonders viel Kraft.
Der Gipfelbereich ist ausgesetzt und bietet nur wenig Platz. Bei mehreren Seilschaften entstehen schnell Wartezeiten, besonders wenn gleichzeitig Gruppen vom Riepengrat aufsteigen. Ein früher Start verbessert deshalb nicht nur die Zeitreserve, sondern oft auch die Übersicht an den Engstellen.
Ausrüstung und Sicherheitsreserven für die Hochtour
Für den Nordgrat braucht man eine vollständige Hochtourenausrüstung. Leichte Zustiegsschuhe oder ein Klettersteigset gehören nicht zur sinnvollen Grundausstattung. Der Gletscher und der Felsgrat verlangen unterschiedliche Systeme, die während der Tour sicher zusammenpassen müssen.
- steigeisenfeste Bergschuhe und Steigeisen mit Frontalzacken
- Pickel, Helm, Klettergurt und Anseilmaterial
- 50 bis 60 Meter Einfachseil für eine eingespielte Seilschaft
- mehrere Bandschlingen für Felsköpfe und Trittbügel
- HMS-Karabiner, Expressschlingen und kurze Prusikschlingen
- einige mobile Sicherungsmittel, wenn die Seilschaft damit vertraut ist
- Stirnlampe, Biwaksack, Erste-Hilfe-Set, warme Handschuhe und Wetterschutz
- zwei Eisschrauben als Reserve für geeignete Eispassagen
Auf dem Gletscher wird angeseilt, auch wenn die Spaltengefahr bei guter Routenwahl oft überschaubar ist. Steinschlag vom Gletscherbereich und aus den angrenzenden Felsflanken bleibt ein Thema. Deshalb sollten Helm und Pickel nicht erst am Einstieg aus dem Rucksack kommen.
Die beste Zeit liegt in der Regel zwischen Ende Juni und Mitte September, wobei das kein Garant für gute Verhältnisse ist. In schneearmen Jahren kann früher im Sommer mehr zusammenhängender Firn vorhanden sein, während im Spätsommer Blankeis und ausgeaperte Spalten die Tour erschweren. Gewitter, starker Wind, schlechte Sicht oder Vereisung sind für mich klare Gründe, den Gipfelversuch abzubrechen.
Nordgrat oder Riepengrat über die Olpererhütte
Viele Bergsteiger verbinden beide Grate zu einer Überschreitung. Der Aufstieg über den Nordgrat und der Abstieg über den Südostgrat, der häufig als Riepengrat oder Schneegupfgrat bezeichnet wird, ergeben eine abwechslungsreiche Runde. Die Variante ist landschaftlich großartig, verlangt aber auch beim Abstieg noch volle Konzentration.
| Merkmal | Nordgrat | Riepengrat als Normalweg |
|---|---|---|
| Stützpunkt | Geraer Hütte | Olpererhütte |
| Technische Schwierigkeit | WS+, UIAA III- | etwa WS, UIAA II+ |
| Gletscher | bis ungefähr 40 Grad | bis ungefähr 35 Grad |
| Charakter | anhaltende Gratkletterei, ruhigerer Zustieg | leichterer Grat, oft stärker frequentiert |
| Geeignet für | erfahrene Hochtourengeher mit Kletterpraxis | Seilschaften mit solider Gletscher- und Grat-Erfahrung |
Der Riepengrat ist technisch etwas einfacher, aber keineswegs harmlos. Ältere Berichte erwähnen teilweise Stahlseile, die im unteren Bereich inzwischen entfernt wurden. Wer sich auf eine alte Beschreibung verlässt, kann deshalb eine falsche Erwartung an die Sicherungssituation entwickeln.
Die Überschreitung lohnt sich vor allem bei stabiler Wetterlage, guter Kondition und sicheren Verhältnissen. Wer den Nordgrat erstmals begeht, fährt mit einem Abstieg über die bekannte Route nicht automatisch sicherer. Auch der leichtere Grat bleibt ausgesetzt, und die lange Runde kann nach dem Gipfel noch mehrere Stunden beanspruchen.
Woran ich die Tourentauglichkeit festmache
Vor dem Start sollte jedes Mitglied der Seilschaft mindestens im alpinen Felsgelände bis UIAA II sicher steigen, kurze Stellen im III. Grad bewältigen und mit Steigeisen auf Firn und Eis vertraut sein. Dazu kommen Kondition für etwa 950 Höhenmeter von der Geraer Hütte bis zum Gipfel und genügend Reserven für den Abstieg.
Eine gute Vorbereitung besteht nicht nur aus Wetterbericht und Routenbeschreibung. Ich würde den Gletscherzugang am Vorabend ansehen, die aktuelle Hütteninformation einholen, die Rückzugsmöglichkeiten besprechen und eine feste Umkehrzeit festlegen. Der Olperer belohnt entschlossenes, aber niemals blindes Vorgehen. Wenn die Bedingungen am Gletscher oder am Grat nicht passen, ist der Verzicht keine Niederlage, sondern saubere alpine Planung.