Eine Route mit „VI+“ im Führer kann für Einsteiger zunächst rätselhaft wirken. Die UIAA-Skala übersetzt die technische Schwierigkeit beim Felsklettern in römische Grade und hilft dabei, Routen im Alpenraum realistisch einzuschätzen. Ich zeige, wie die Abstufungen funktionieren, was Plus- und Minuszeichen bedeuten, wie sie sich von französischen Graden unterscheiden und warum ein einzelner Schwierigkeitsgrad nie die ganze Tour beschreibt.
Die wichtigsten Orientierungspunkte für die UIAA-Bewertung
- Römische Zahlen von I aufwärts zeigen zunehmende technische Schwierigkeit.
- Plus und Minus verfeinern einen Grad, ersetzen aber keinen vollständigen Zwischenwert.
- Grad III beginnt mit ernsthaftem Klettern, während ab IV eine solide Technik nötig wird.
- Die Skala bewertet vor allem die klettertechnische Schwierigkeit, nicht automatisch Länge, Absicherung oder Absturzfolgen.
- Eine Umrechnung in die französische Skala ist nur ungefähr möglich.

Was die UIAA-Skala beim Klettern tatsächlich misst
Die Bewertung beschreibt in erster Linie, wie schwierig die freien Kletterbewegungen in einer Passage sind. Entscheidend sind unter anderem Griffgröße, Trittqualität, Wandneigung, Bewegungsfolge und benötigte Kraft. Eine Route im fünften UIAA-Grad verlangt deshalb deutlich mehr als eine leichte Kraxelstelle im ersten Grad.
Die Skala entstand aus der Welzenbach-Skala und wurde 1967 offiziell als UIAA-Skala übernommen. Sie ist nach oben offen, weil sich das technische Niveau im Klettersport weiterentwickelt hat. Für mich ist das ein wichtiger Punkt: Ein Grad ist keine ewige Messlatte, sondern eine praktische Einordnung, die sich mit Kletterstil, Gebiet und Zeit verändern kann.
In Deutschland, Österreich und weiten Teilen der Alpen werden Felsrouten häufig mit UIAA-Graden beschrieben. Die römischen Zahlen werden dabei als Ordnungszahlen gelesen, also „Vierter Grad“ für IV und nicht einfach „vier“.
Die UIAA-Grade von I bis VIII verständlich erklärt
Die folgenden Beschreibungen sind eine gute erste Orientierung. Sie ersetzen keinen aktuellen Kletterführer, denn Gestein, Routenstil und regionale Bewertung können die tatsächliche Erfahrung deutlich beeinflussen.
| Grad | Typische Schwierigkeit | Praktische Einordnung |
|---|---|---|
| I | Geringe Schwierigkeiten | Leichte Felskletterei, die Hände werden vor allem für das Gleichgewicht gebraucht. |
| II | Mäßige Schwierigkeiten | Hier beginnt richtiges Klettern. Eine saubere Drei-Punkt-Technik ist sinnvoll. |
| III | Mittlere Schwierigkeiten | Steile oder kurze senkrechte Stellen, teilweise mit Kraftaufwand. Für erfahrene Bergsteiger gelegentlich noch seilfrei machbar. |
| IV | Schwierig | Kleinere Griffe und Tritte, anspruchsvollere Wandformen wie Risse, Kamine oder Verschneidungen. |
| V | Sehr schwierig | Wenige und kleine Griffe, technische Bewegungen sowie Platten- und Risskletterei verlangen gute Vorbereitung. |
| VI | Äußerst schwierig | Komplexe Bewegungsfolgen, kleine Griffe und steile bis überhängende Abschnitte. Spezifisches Training wird wichtig. |
| VII | Außergewöhnlich schwierig | Sehr kleine oder weit auseinanderliegende Griffe, hohe Anforderungen an Fingerkraft, Balance und Technik. |
| VIII und höher | Extrem schwierig | Die Skala bleibt offen und wird mit weiteren römischen Graden sowie Plus- und Minuszeichen verfeinert. |
Die Grenze zwischen den unteren Graden ist oft gut spürbar. Der Schritt von II zu III bedeutet meist, dass die Wand steiler wird und die Bewegung nicht mehr nur aus einfachem Abstützen besteht. Ab Grad IV entscheidet dann nicht allein die Kraft, sondern zunehmend die Fähigkeit, die richtige Körperposition und Bewegungsfolge zu finden.
Der DAV beschreibt Grad I als einfachste Form der Felskletterei und weist darauf hin, dass bereits Schwindelfreiheit nötig sein kann. Das wird häufig unterschätzt, weil eine technisch leichte Stelle durch Ausgesetztheit oder brüchiges Gelände trotzdem ernst wirken kann.
So funktionieren Plus- und Minuszeichen
Ein Minus oder Plus zeigt an, dass eine Route innerhalb eines römischen Grades eher am unteren oder oberen Ende liegt. VI- ist leichter als VI, VI+ ist schwerer als VI. Danach folgt normalerweise VII-, nicht etwa VI++.
In vielen Führern beginnt die feinere Unterteilung ab dem dritten oder vierten Grad. Man findet also beispielsweise III-, III, III+, IV-, IV und IV+. Die Schreibweise ist nicht in jedem Klettergebiet völlig einheitlich, weshalb ich bei unbekannten Regionen immer die Legende des Führers lese.
Ein Eintrag wie „V+/VI-“ weist auf eine Schwierigkeit hin, die zwischen zwei Bewertungen liegt. Das ist keine mathematisch exakte Angabe, sondern ein Hinweis darauf, dass Bewertung und Kletterstil nicht eindeutig in eine einzige Stufe passen.
UIAA und französische Skala richtig vergleichen
Im internationalen Sportklettern ist die französische Skala mit Angaben wie 5c, 6a oder 7a sehr verbreitet. In deutschen Kletterhallen und an vielen modernen Sportkletterfelsen begegnen mir deshalb beide Systeme. Eine grobe Orientierung sieht so aus:
| UIAA | Französische Skala ungefähr | Typischer Charakter |
|---|---|---|
| IV | 4a bis 4b | Technisches Grundlagenklettern |
| V | 4c bis 5a | Weniger Griffe, präzisere Bewegungen |
| V+ | 5b | Deutlich anspruchsvollere Einzelzüge |
| VI | 5c bis 6a | Gute Technik und gezielte Kraft |
| VI+ | 6a bis 6a+ | Anspruchsvolle, häufig anhaltende Kletterei |
| VII | 6b bis 6b+ | Hohe Anforderungen an Technik, Fingerkraft und Bewegungslösung |
| VIII | etwa 7a | Sehr anspruchsvolles Sportklettern |
Diese Werte sind nur Näherungen. Je nach Gebiet, Felsart und Bewertungsphilosophie kann eine Route deutlich anders wirken. Besonders bei älteren alpinen Klassikern darf man eine Umrechnung nicht wie eine präzise Tabelle behandeln.
Auch die Begriffe dürfen nicht durcheinandergeraten. Boulderprobleme werden meist mit Fontainebleau- oder V-Skala bewertet, Klettersteige im deutschsprachigen Raum häufig mit A bis F. Für alpine Gesamttouren kommen zusätzlich Bewertungen wie F, PD, AD oder D zum Einsatz. Diese beschreiben den Gesamtcharakter einer Tour und nicht nur den schwierigsten freien Kletterzug.
So lese ich einen Schwierigkeitsgrad im Kletterführer
Vor der Tour schaue ich nie nur auf die höchste Zahl. Eine brauchbare Einschätzung entsteht erst aus mehreren Angaben, besonders aus Schlüsselstelle, obligatorischer Schwierigkeit, Routenlänge und Absicherung.
- Route und Geländeart prüfen. Eine kurze, gut eingebohrte Sportkletterroute ist anders einzuschätzen als eine lange alpine Mehrseillängenroute.
- Höchsten Grad und Pflichtgrad unterscheiden. Der höchste Wert kann eine Stelle beschreiben, die sich mit einem Griff an der Sicherung oder im technischen Stil lösen lässt. Der obligatorische Grad zeigt, was ohne solche Hilfe geklettert werden muss.
- Absicherung und Rückzug lesen. Ein moderater UIAA-Grad mit wenigen Sicherungspunkten verlangt mehr Erfahrung als derselbe Grad in einer gut abgesicherten Halle.
- Fels und Bedingungen einbeziehen. Nasser Kalk, sandiger Fels, Kälte oder ein schwerer Rucksack können eine Route spürbar anspruchsvoller machen.
- Unter der persönlichen Grenze planen. Für eine erste alpine Route wähle ich lieber einen Grad, den ich im Sportklettern sicher beherrsche, statt meine maximale Hallenleistung zu übertragen.
Ein Beispiel macht den Unterschied deutlich. Eine Route mit „VI, 6 Seillängen, wenige Bohrhaken“ ist nicht einfach nur eine lange Route im sechsten Grad. Sie verlangt zusätzlich Standplatztechnik, Orientierung, Seilmanagement und Ausdauer. Genau diese Faktoren entscheiden oft darüber, ob eine Tour entspannt oder nervös endet.
Warum der Grad allein keine Sicherheitsgarantie ist
Die technische Bewertung sagt wenig über Steinschlag, brüchigen Fels, Absturzfolgen oder schwierigen Rückzug aus. Ein kurzer, gut gesicherter VIer kann sich subjektiv leichter anfühlen als eine ausgesetzte IIIer-Seillänge mit losem Gestein und komplizierter Wegfindung.
Ich betrachte den UIAA-Grad deshalb als einen Baustein der Tourenplanung. Wetter, Tagesform, Erfahrung des Partners, Qualität der Sicherungen und die Möglichkeit eines Notabstiegs gehören genauso in die Entscheidung. Vor allem bei alpinen Routen sollte die Beschreibung des gesamten Charakters gelesen werden, nicht nur die Zahl neben dem Routennamen.
Auch Hallenerfahrung lässt sich nur begrenzt übertragen. In der Halle sind Griffe meist sichtbar, der Fels ist sauber und die Absicherung klar. Draußen kommen Reibung, versteckte Tritte, wechselnde Gesteinsqualität und mentale Belastung hinzu. Darum rate ich zu einem schrittweisen Wechsel an gut abgesicherte Felsen und zu einer erfahrenen Begleitung.
Mit der römischen Skala sicherer in die nächste Route
Wer die Zahlen als Orientierung und nicht als Leistungsurteil versteht, nutzt die Skala am besten. I bis III markieren einfache bis mittlere Kletterei, ab IV wächst der technische Anspruch deutlich, und ab VI werden präzise Bewegungen, Kraft und Erfahrung entscheidend.
Für die Auswahl einer Tour kombiniere ich den Grad immer mit Routentyp, Absicherung, Länge und aktuellen Bedingungen. So wird aus einer einzelnen römischen Zahl eine realistische Entscheidung, die zum eigenen Können passt und den Bergsport nicht unnötig zum Glücksspiel macht.